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Man braucht für die S 1000 XR einiges an Contenance, um dauerhaft den Führerschein zu behalten.

1 Liter pures Adrenalin

Die neue BMW S 1000 XR ist Touren- und Sportmaschine in einem – und zwar auf beeindruckend hohem Niveau. Die gelungene Kreuzung aus Enduro und Sportbike ist nichts für schwache Nerven.

29.06.2020 von Klaus Schebesta

Die XR des Jahres 2020 ist kein weichgespülter Reisedampfer, sondern eine hochdynamische Fahrmaschine. Sie bietet Race-Feeling pur und bringt auch noch Manieren mit

Die Ein-Liter-Klasse bei den Motorrädern hat eine enorme Spreizung. Ab dieser magischen Grenze darf man ruhig von einem Big Bike sprechen und findet alles – von brummelnden Zweizylinder-Cruisern über tourentaugliche Reisedampfer bis hin zu quirligen Supersportlern. Aber genau das ist es normalerweise eben: Man hat ein Sportbike ODER ein Tourenmotorrad, aber nicht beides. Also im Grunde zwei Universen, die jeweils von ihren Anhängern enthusiastisch gegen jeglichen Eindringling von außen verteidigt werden. Manche mögen sich schon gefragt haben: Lässt sich der Raum krümmen und ein gemeinsamer Schnittpunkt finden? Ja, lässt sich. Die Koordinaten lauten: S 1000 XR

Touren & Sprinten

Denn die neue Vierzylinder-BMW kann beides. Sie kann touren und sie kann sprinten, als ob es kein Morgen gäbe. Aber: Hatten wird das nicht schon alles bei der „alten“ XR? Die sah ähnlich aus, hatte ebenfalls 165 PS und 114 Newtonmeter Drehmoment. Also nur ein leises Facelift? Definitiv nicht. Die Überarbeitung der XR ist tiefgreifend und betrifft das gesamte Motorrad. Die sportliche DNA hat die XR des Jahres 2020 von der RR, die mit 207 PS eigentlich auf der Straße nichts mehr verloren hat. Dazu verschiebt sich die Ergonometrie mit einem etwas schmaleren und leicht nach vorne verlegten Lenker mehr in Richtung Sportlichkeit, ohne dabei an Tourentauglichkeit einzubüßen. Der schmale Knieschluss trägt dazu bei, nicht auf, sondern in der Maschine zu sitzen. Eine ganze Reihe weiterer technischer Kunstgriffe vervollständigt das Finetuning und eliminiert sämtliche Kritikpunkte der alten XR. BMW selbst reiht die S 1000 XR auf ihrer Homepage übrigens nicht in der Kategorie „Sport“ ein, sondern unter der Rubrik „Adventure“. Man sollte sich aber davon nicht täuschen lassen – die XR hat mehr als genug Sport in sich, ohne dass man sich wie bei anderen Bikes dieses Kalibers gebückt auf den Tank legen muss.

Race-Feeling mit Manieren

Für den Fahrer sind all diese Weiterentwicklungen deutlich spürbar – und damit sind wir schon bei der zentralen Frage: Wie fährt sich die XR? Im Vergleich zur Vorgängerin: mit sanftem Punch von unten und verminderten Vibrationen; einer genialen Sitzposition; einem Windschutz, der tatsächlich diesen Namen verdient. Und sie ist leiser: Mit 94 Dezibel im Stand darf man mit ihr gerade noch über das per Tiroler Lärmverordnung limitierte Hahntennjoch, während die alte XR mit ihren 98 Dezibel diese beliebte Route aussparen muss. Trotz allem ist die XR des Jahres 2020 kein weichgespülter Reisedampfer, sondern eine hochdynamische Fahrmaschine. Sie bietet Race-Feeling pur und bringt auch noch Manieren mit.

Solide Mitgift

Die Neue hat eine umfassende Grundausstattung an Bord, die bisher zum Teil aufpreispflichtig war: Inkludiert sind nun Fahrmodi Pro mit den vier Einstellungen Rain, Road, Dynamic und Dynamic Pro (letztere frei programmierbar), Dynamic ESA (elektronisches Fahrwerk), ABS Pro (mit Kurven-ABS), DTC (dynamische Traktionskontrolle), Wheelie- und Hillstart-Control Pro, Dynamic Braking Control (verhindert irrtümliches Gasgeben beim Bremsen), das 6,5 Zoll große Farb-TFT-Display mit verschiedenen Anzeigemöglichkeiten und Connectivity sowie LED-Beleuchtung rundum. Das ist schon eine ganze Menge und wer will, kann sich seine XR noch weiter hochrüsten – etwa mit Dynamic ESA Pro (mit automatischem Beladungsausgleich), Headlight Pro (mit adaptivem Kurvenlicht), Tempomat und Schaltassistent Pro mit Blipper-Funktion. Oder dem Carbon-Paket, wie es auf unserer Testmaschine verbaut war. Die XR startet bei knapp 20.000 Euro und lässt sich ohne große Schwierigkeiten deutlich jenseits 25.000 Euro veredeln.

Kraft und Fahrspaß ohne Ende

Die XR entwickelt ab 3.000 Touren seidigen Schub, bis der Fahrer bei knapp unter 7.000 Umdrehungen die Schallmauer erreicht: Wer in diese eintaucht und bis 11.000 hochdreht, erlebt eine Beschleunigung, die geradezu beängstigend ist. Und einen Sound, der überholte Fahrzeuglenker dazu bringt, einen verschreckten Haken zu schlagen, was sich genüsslich im Rückspiegel beobachten lässt. In diesem Drehzahlbereich hat die XR Kraft im Überfluss, die sich für Durchschnittspiloten nur aufgrund der zahlreichen elektronischen Systeme bewältigen lässt. Wer’s in der Früh zum Wachwerden braucht, katapultiert sich von 3,1 Sekunden von Null auf 100. Zum Glück hilft ihm der butterweiche Schaltassistent dabei, schnell genug einen höheren Gang einzulegen. Im Kurvengewühl präsentiert sich die S 1000 XR enorm handlich. Das für eine Tausender relativ geringe Leergewicht von gerade einmal 226 Kilogramm führt zu einem geradezu spielerischen Handling und das elektronisch perfekt unterstützte Fahrwerk bleibt spurtreu bis in Geschwindigkeiten weit jenseits der Straßenverkehrsordnung. Langgezogene Kurven auf der Landstraße, steile Bergpässe, quirliges Kurvengewirr – die XR verschafft in jeder Lage Fahrspaß ohne Ende. Für verspielte Naturen lässt sich auf den Sporttacho umschalten, auf dem unter anderem Neigungswinkel, Bremsverzögerung und Inanspruchnahme der digitalen Traktionskontrolle abzulesen ist, was dazu führt, dass man versucht ist, die Werte bei der nächsten Kurvenfolge zu toppen. Das ist auch schon der einzige Nachteil der XR: Man braucht für dieses Geschoß einiges an Contenance, um dauerhaft den Führerschein zu behalten.