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Understatement ist nicht das Material, aus dem Legenden gestrickt sind. Und ein bisschen legendär ist der Ferrari Schorsch definitiv

Ein echter Typ biegt in die Zielgerade

Das Cavallino rampante – das sich aufbäumende Pferdchen – ziert das weltberühmte Emblem der italienischen Sportwagenschmiede Ferrari. Das Pferdchen ist ein bisschen wie der Ferrari Schorsch. Ein echter Typ, der sich noch einmal aufbäumt, ehe er in zwei Jahren sein knallgelbes Haus in Schwaz und seine schnellen Autos in Bausch und Bogen verkaufen will. Bei Georg Bliem findet der Mythos Ferrari ein durchaus unorthodoxes Zuhause.

17.04.2020 von Marian Kröll

Warum aus Georg Bliem nicht der Porsche Jorge oder der Aston Martin George geworden ist, liegt einzig am Mythos Ferrari

Eigentlich heißt der Ferrari Schorsch ja Georg Bliem. Es schneit an dem Tag in Schwaz, als ich vis-à-vis dem ÖAMTC-Stützpunkt ein gar nicht unauffälliges Haus ansteuere, durchs offene Tor ums Haus herumfahre und im Hinterhof parke. „Ferrari Garage“ prangt in dicken schwarzen Buchstaben am Obergeschoss des knallgelben Hauses. In der Mitte bäumt sich das schwarze Pferdchen auf, das rund ums und im Haus fast omnipräsent ist. Die Kleidung des Ferrari Schorsch steht dem in nichts nach. Kein Zweifel, der Mann lebt und liebt den Mythos Ferrari und will das auch nicht unbedingt geheim halten. Seien wir ehrlich, Understatement ist nicht das Material, aus dem Legenden gestrickt sind.

50 Jahre sind genug! Zu Verkaufen 2022. MEIN Haus MEINE GmbH MEINE Ferrari. Nur im Gesamten

Und zumindest ein bisschen legendär ist der Ferrari Schorsch definitiv. Das weiß er auch selber, wenn er sagt: „Ich bin ein Exemplar.“ 2022, in zwei Jahren, will der Ferrari Schorsch den Hut draufhauen, oder besser gesagt das Stirnband. Das hat er schon zweifach am Balkon seines gelben Hauses kundgetan: „50 Jahre sind genug! Zu Verkaufen 2022. MEIN Haus MEINE GmbH MEINE Ferrari. Nur im Gesamten 0664 /342 77 66.“ Bei Interesse bitte melden. Bevor ich die heiligen Hallen betrete, schlurfe ich, hinter dem Ferrari Schorsch her, einmal ums gesamte Haus. Unter einem roten Zelt sind mehrere Autos abgedeckt. Ferrari, darf man annehmen.

Plötzlich Ferrari

Doch wie ist aus dem Georg Bliem eigentlich der Ferrari Schorsch geworden? „Vor Jahrzehnten habe ich mir einen Ferrari eingebildet. Ich habe dann einen Kaputten angeschaut. Da hat mir zu viel gefehlt und deshalb hab‘ ich mir vorgenommen, doch lieber einen Ganzen zu kaufen. Ich habe also in Südtirol einen gekauft, und dann ist es losgegangen.“ Das Ferrari-rote – rosso corsa –Feuer war im nunmehr 70-jährigen, der vor einer halben Ewigkeit in Innsbruck bei der VOWA Mechaniker gelernt hat, entfacht. Anfangs sei es sehr schwierig gewesen. „Man muss fleißig sein. Es hat zwar nicht immer alles geklappt, aber über die Jahre ist eins zum anderen gekommen“, erinnert sich der Schorsch.

Nicht unbedingt notwendige Investitionen hat er nie getätigt, viel Personal hat er nie gehabt. „Ich hatte immer nur einen Helfer, den Albert, der ist schon 35 Jahre bei mir. Heute hat er frei. Wenn der Albert in zwei Jahren in Pension geht, verkaufe ich alles. Deshalb hängt das Plakat da.“ Kaufinteressenten gebe es schon zur Genüge, versichert der Ferrari Schorsch. Über seine Preisvorstellungen schweigt er sich aus. Zu den derzeitigen Interessenten nur soviel: „Die haben momentan keinen Plan wegen der Autos, das Haus und den Grund möchten sie alle gern.“ Das liegt vermutlich nicht an der schmucken Farbe oder der guten Bausubstanz, sondern an der interessanten Lage. Sollte man sich preislich nicht eins werden, schenkt der Ferrari Schorsch alles der Tochter, die einen Mechaniker zum Freund hat. Eines ist klar, wer ernsthaft mitbieten möchte, braucht tiefe Taschen, denn Georg Bliem besitzt nach eigenen Angaben nicht weniger als ein Dutzend Ferraris. Allein für den teuersten davon – einen Ferrari LaFerrari mit 3.400 Kilometern – schwebt dem Ferrari Schorsch ein Preis von 4.8 Millionen vor. Euro, nicht Schilling. Warum aus Georg Bliem nicht der Porsche Jorge oder der Aston Martin George geworden ist, liegt am Mythos Ferrari. „Das hat mich einfach fasziniert, und deshalb habe ich mich da hineingearbeitet. Bei Motoren und Getriebe mache ich alles selbst“, sagt der Schorsch, dessen Ersatzteil-Nachschub von guten alten Freunden aus Neapel und Süditalien kommt. Das dürfte ganz nach dem Geschmack von Firmengründer Enzo Ferrari gewesen sein, der einmal gesagt haben soll: „Ich habe Motoren gebaut und Räder hinzugefügt.“ An seine Jungfernfahrt, die so Mitte der 70er stattgefunden haben dürfte, kann sich der Schorsch auch noch erinnern: „Es war ein ganz heißer Tag und ich habe keine Ahnung gehabt, wo man die Klimaanlage einschaltet. Das war gar nicht so einfach.“ Die Fahrerei hatte er dagegen ganz gut im Griff.

Freier Pferdehandel

Beim Ferrari Schorsch gibt es nicht nur Gebrauchtwägen, sondern auch Neuware. „Auf Bestellung, keinen Farbwunsch und um vieles teurer, wenn man ihn gleich will. Bei mir muss man nicht zwei Jahre warten“, sagt der Schorsch, der ein Netzwerk hat, das das ermöglicht. Ein Ferrari 430 war der letzte Neuwagen, den der Schorsch verkauft hat. „Da haben wir sogar noch einen Neuen da.“ An die 250 neue Ferrari habe er in den letzten Jahrzehnten – großteils – an den Mann gebracht, sagt der Schorsch. Darunter auch einige an den Tiroler Investor René Benko. Daran erinnert ein garagierter schwarzer F430, bei dem man sich nicht mehr handelseins geworden sei. „Jetzt ist er in der höheren Liga. Da bin ich nicht mehr dabei“, sagt der Ferrari Schorsch achselzuckend. Heute gebe es im Umkreis von mehreren hunderten Kilometern keinen einzigen Ferrari-Vertragshändler mehr. Zu streng seien die Auflagen, was die Gestaltung der Schauräume und Werkstätten betrifft. Und zu teuer. Für den Ferrari Schorsch gilt das freilich nicht: „Ich bin ein freier Händler, ich kann tun und lassen was ich will.“ Der Schorsch handelt entsprechend mit allen möglichen Fahrzeugen in allen Preiskategorien, richtet die gebrauchten Autos her und verkauft sie weiter. „Ich verdiene an den billigen Autos etwas. Da arbeite ich, bin halt immer dreckig, aber das ist mir gleich. Von den Ferraris kann man nicht leben.

Das ist mehr ein Hobby. Ich habe auch selbst einige auf mich angemeldet“, sagt der Ferrari Schorsch, der selbst unter anderem einen F430 Scuderia sein Eigen nennt: „Den haben wir getunt, auf 600 PS.“ Da kommen beim Ferrari Schorsch auf ein Lebensjahr fast 9 PS. Nicht schlecht. Optisch dominiert der Carbon-Look, zum Stehenbleiben hat sich der Ferrari Schorsch um einen Haufen Geld eine Carbon-Bremsanlage mit 50er-Scheiben spendiert. Im Geiste des Firmengründers Enzo Ferrari seien die Motoren, wie Georg Bliem bestätigt, „alle heillos gut, wenn man sie richtig behandelt. Da gibt es keine Probleme.“ Sofern man regelmäßig Öl wechselt und das gute Zeug hernimmt. An die 20.000 Kilometer pro Jahr legt der Schorsch mit seinen Boliden zurück. Das ist weit überdurchschnittlich. Ein, zwei Mal verschlägt es ihn, auch mit 70 Lenzen noch, nach Monza auf die Rennstrecke. „Das ist alles Übungssache“, heißt es. Und: „Ich steige in die Schalensitze aus und ein wie ein 20-Jähriger.“ Im Frühjahr brauche man, schätzt der Schorsch, so zwischen zwei- und fünftausend Kilometer, bis man das Auto wieder beherrscht, an die Geschwindigkeit gewohnt ist. „Die Autos gehen ja knapp über 300. Auf der deutschen Autobahn, da musst du dich gewappnet fühlen und voll konzentriert sein. Bei uns nicht, weil da schläft man ja eher ein.“ Bei trockener Straße sind die Sportwägen aus Maranello ganz gut beherrschbar, bei Nässe oder gar Regen ist es mit der Gutmütigkeit schnell vorbei: „Das stellt es dir die Nackenhaare auf. Da heißt es beim Ferrari einfach aufpassen, speziell mit den Mittelmotoren,“ sagt der Schorsch, der Jahr für Jahr fährt, bis der erste Schnee kommt.

Der Lauf der Dinge

Der Mythos Ferrari lebt seit Jahrzehnten ungebremst fort, auch wenn die Zeiten schon einmal rosiger waren und sich der Schorsch wehmütig an die Rennfahrer-Zeit eines Michael Schumacher zurückerinnert. „Von dem habe ich auch ein Auto da, einen Maranello“, sagt der Schorsch beiläufig. Schumacher-Edition, 1996 gekauft, für 3,7 Millionen Schilling. Mit 6.000 Kilometern hat diesen Wagen der Schorsch damals erworben, heute steht der Zähler bei 32.000, alle von Georg Bliem selbst zurückgelegt. Damals sei der Handel mit den Autos generell noch einfacher gewesen, die Nachfrage höher. Klassisches Liebkind hat der Ferrari Schorsch keines: „Es gibt keinen schönsten und keinen schiachsten, das ist eine Geschmackssache.“ Einen Tipp hat er dennoch: „Wer einen wenig anfälligen Ferrari sucht, sollte sich den letzten Sauger kaufen.

Das ist der 458er.“ Generell ist der Ferrari Schorsch kein Freund von Turbomotoren. Wer sich heute bei den aktuellen Modellen noch für einen klassischen Saugmotor erwärmen kann, muss zum Zwölfzylinder greifen, der Rest wird zwangsbeatmet. Zwischendurch zündet sich der Ferrari Schorsch eine Zigarette an. Schon mehrmals hat er sich eigentlich schon von diesem Laster verabschiedet. „Aber jetzt schmeckt es mir wieder einmal. Und husten tue ich nicht und zum Geburtstag bekomme ich auch immer Zigaretten. Dann haben es meine Kinder leicht“, meint er pragmatisch. Über Umweltaspekte macht sich der Ferrari Schorsch keine Gedanken. Man werde heutzutage ohnehin auch schon mit einem großen SUV schief angeschaut. „Das ist der Lauf der Zeit. Man muss sich heutzutage trauen, einen Sportwagen zu fahren, oder eben tiefstapeln. Der teuerste Tesla kostet auch weit über 100.000 Euro. Aber der interessiert keinen, da schaut niemand hin“, meint Georg Bliem. Tatsächlich ist das Surren eines Elektromotors ist mit dem tiefen Gurgeln eines großen Saugmotors oder dem wütenden Aufheulen eines Turbo nicht zu vergleichen. Um das anzuerkennen, muss man gar kein Benzinbruder sein.

Ich bin ein Exemplar.“

Und wenn, ja wenn der Ferrari Schorsch 2022 alles verkauft hat, dann wird er sich für seine Pension noch einmal einen letzten Ferrari zulegen. Saugmotor, gebraucht, mit ganz wenig Kilometern auf der Uhr:

„Und den behalte ich, bis ich sterbe. Fertig!“